Wochenende im Glarner Land – Legler-Hütte, 7./8. Oktober 2017

 

„Feldspat, Gleis und Glimmer, die vergess ich nimmer.“ Mit jedem Schritt, den ich meinen Körper und meinen Rucksack den steilen, regennassen Weg hinaufschiebe, geht mir dieser Vers durch den Sinn. Ein Schweizer Freund hatte ihn mir bei einer gemeinsamen Bergtour in den Bergen bei Meran im Juli gesagt, als er mir – man teilt ja so Manches, wenn man ein paar Stunden miteinander bergwandert – von seiner Schulzeit erzählte. Der Anblick des grünlich, rötlich und gräulich schimmernden Gesteins, das sich jetzt in bestimmten Abständen unter meinen dickbeschuhten schweren Füßen abwechselt, erinnert mich daran. Vielleicht will ich damit an angenehmere Stunden denken, denn bei besagter Tour war das Wetter schöner, es war Hochsommer und ich konnte mit kurzer Hose und leichter Bluse laufen. Jetzt stecke ich in Thermohose und Anorak und mussjeden Schritt sorgsam setzen, denn es ist glatt, steil, das Herbstlaub rutschig und ich frage mich, warum in aller Welt ich mir das hier antue.

Ich hatte schon in den letzten Tagen mit einer sich ankündigenden Erkältung gekämpft und mich mit den üblichen frei verkäuflichen Brausetabletten dagegen zur Wehr gesetzt. Schwitze ich jetzt so aus Schwäche oder weil ich nicht genug Kondition habe? Dabei hatte es doch so schön angefangen, als Petra, Gisela und Claudia mich heute Morgen um kurz nach sechs Uhr abgeholt hatten und wir nach recht guter Fahrt an Zürich vorbei an der Raststätte Glarnerland den roten Vereinsbus mit den anderen trafen und uns mit einem gemeinsamen Kaffee auf unsere lang ersehnte Wochenendtour zur Leglerhütte (http://leglerhuette.ch/) einstimmten. Mein Herz hatte höher geschlagen, als wir die Autobahn verließen und in Richtung Näfels durch das Tal in den Kanton Glarus einfuhren. Vorbei an saftigen Wiesen mit grasenden Kühen, die die gute Schweizer Schoggi und andere Köstlichkeiten erst möglich machen. Wir passieren sogar eine Produktionsstätte für Schokoladenspezialitäten (Ich glaube, das ist sogar Schweizer Duktus). Gar nicht so leicht, die Seilbahnstation Kies zu finden, wo wir parken und mit dem Aufstieg zur Hütte beginnen wollten. Wir mussten wenden und konnten dadurch das Schild „Gofen“ ( Alemannisch für Blagen) sehen. Alles hat sein Gutes. Am Fuße der Bergstation begrüßten uns sorgfältig in Baumstümpfe geschnitzte tierische Waldbewohner. Und – hey: Schnee auf den Baumwipfeln bis hinunter in den Wald!

Ich schwitze ordentlich. Der Glitsch geht langsam über in weiße Flecken und irgendwann ist es dann soweit: Gerade noch waren wir im Herbst. Jetzt stehen wir in einer zauberhaften Schneelandschaft in gleißendem Sonnenschein und stärken uns mit einem ersten Bissen. Ich bin versöhnt, will nur nicht kalt werdenund bin deshalb froh, dass es bald weitergeht.

Was ist das denn? Eine Gruppe, die nicht so alpin gekleidet istwie wir, zieht ihre Rollköfferchen an uns vorbei. Die Leute kommen von der Seilbahnstation und wollen zu dem in dieser Höhe von uns nicht erwarteten modernen Hotel Mettmen. Die Gartenmöbel sind von dicken Schneehauben gekrönt, aber wir wollen uns ja gar nicht hier setzen, machen stattdessen ein Gruppenbild vor herrlichem Blick auf den Glärnisch und gehen ein Stückchen weiter zum Stausee Garichte. Hier wollen wir an einer Hütte mit Grillplatz vespern und müssen erst einmal Schnee von Bänken und Holzstößen entfernen, um dann in Laugenbrezeln und Landjäger zu beißen. Wir können gar nicht glauben, in welcher märchenhaften Landschaft wir uns plötzlich befinden nach all dieser Plackerei. Es ist Anfang Oktober, gerade noch gingen wir geduckt durch Nieselregenschwaden und sind jetzt im Paradies der Eisprinzessin persönlich.  Anschauliche Tafeln informieren über die geologischen Formationen am Charpfbrugg, wo in grauer Vorzeit eine Hauptüberschiebung der die Alpen formenden Schichten stattfand. Deshalb die verschieden Gesteinsarten, die ich so meditativ unter meinen Schritten wahrnahm?

Rechts über mir thront einem urzeitlichen Reptil gleich ein Steinkoloss auf dem Kamm. Oh, wie liebe ich diese Landschaft!Und weiß jetzt schon, dass ich richtig entschieden habe, auch dieses Mal wieder mitzukommen. Jedenfalls geht es jetzt ein wenig sanfter in die Höhe. Aber nur ein wenig. Bei der letzten Alm mit einer großen Stallanlage, machen wir eine weitere Pause im Schnee, entledigen uns der dicksten Kleidungsschichten, blinzeln in die Sonne und haben verdammt gute Laune.

Und dann geht es richtig los, stetig bergan. Unsere Füße versinken z. T. knöcheltief im mit nassem Schnee überdeckten Moor. Das geht an die Kräfte. Ich habe nasse Füße, meine alten Wanderschuhe waren darauf nicht eingestellt. Die eben noch munter miteinander plaudernde Truppe entzerrt sich, jeder geht seinen Gedanken nach und fordert sich selber Schritt für Schritt auf dem steinigen Weg nach oben. Die Sonne wärmt. Die Füße sind schwer. Noch ein Kehre und noch eine. Links von mir verschwindet der Gebirgsbach in einem dunklen Felsloch. Zuvor hat er noch einen kleinen See durchflossen bzw. sein Wasser dort zu Eis gefrieren lassen.

Endlich zeigt links am Fels ein roter Pfeil „Sonnenberg-Furggele, 2212 m.ü.M., 15 m bis zur Legler-Hütte“. Jetzt möchte ich aber auch ein Foto von mir. Im tiefen weißen Schnee vor dem Blick ins grüne Herbsttal weit, weit unten. Mit Anorak und Rucksack und Sonnenbrille. Ich lächele. Es gibt ein Bild von meinem Vater im Schnee an einem Gipfelkreuz mit Seil und Steigeisen, damals in dem Alter, das ich jetzt habe. Ich hier, 30 Jahre später. Von ihm habe ich die Sehnsucht nach den Bergen. Und jetzt bin ich ihmbesonders nah, hier unter dem Himmelsdach.

Aber, es ist noch nicht vorbei. Jetzt geht die Sonne weg, es wird kälter. Und dann noch ein kleiner Abstieg über den rutschig-glatten Schnee. Dann sind wir angekommen und lassen uns vor der Hütte auf den Bänken nieder. Aber das ist zu kalt. Schnell rein in die modern gebaute Hütte mit ihren Glasfronten und freundlich rotbemalten Wänden. Wir trocknen uns und schlüpfen in eines der vielen Paar Finken, die in allen Größen bereitstehen. Die nette junge Frau begrüßt uns herzlich, und wir wärmen uns erst einmal in der Hüttenstube auf. Ich erweitere meinen Schwyzerdütsch-Wortschatz um das Wort „Isichrütt“. Der Eisenkrauttee läuft wohlig durch meine Kehle, die Wärme des Tees in meine Glieder und die menschliche Wärme der Gemeinsamkeit in mein Herz. Zeit zum Plaudern, Zeit zum Zusammensein mit dieser tollen Truppe, mit der ich so gerne Gipfel erklimme.

Um 18:30 Uhr Abendessen in der Hüttenstube. Am Nachbartisch werden drei junge Engländer mit einer Gruppe junger Schweizer zusammengesetzt und beginnen mit zögerlicher Kommunikation.Nasse Socken liegen vor dem Ofen, in den der Hüttenwirt noch ein paar Holzscheite nachlegt. Ein Paar mit seinem aufgeweckten Jungen und eine Mutter mit ihrem etwa gleichaltrigen Sohn sitzen am Tisch dahinter. Spaghetti Bolognese mit Salat und dazu dieser herrliche Apfelmost. Plötzlich springt alles auf und rennt in Hüttenschuhen nach draußen. Ich hinterher mit meiner kleinen Kamera. Das, was wir sehen, ist überirdisch schön. Das Farbspiel unwirklich, geradezu endzeitlich. Und was ich später auf dem Foto sehe, gleicht einem Gemälde von Caspar David Friedrich. Menschen, die dem rötlich-violetten Horizont entgegeneilen, von der sich die schwarze Bergkette scharfkantig abgrenzt. Menschen, die mit Pantoffeln aufs Eis gelaufen sind. Und draußen, da hinten irgendwo Kriege, Hunger, Flüchtlinge auf dem Meer. Aber auch die Lieben daheim.

Alle kommen wohlbehalten in den beheizten Hüttenraum zurück, Brillen beschlagen, Herzen schlagen höher. Der Abend endet mit Jassen bei den Schweizern, Papiervögel-Bauen und Durch-die-Schlitze-der-hölzernen-Treppe-Schießen bei den Kindern, woran sich ein junges Paar beteiligt und gemeinsam mit den Eltern seine Zeichen- und Bastelkünste entfaltet.

Wir ziehen um auf unser enges Lager, denn – wie kann es anders sein –, erfahrene Skizünftler haben wieder den guten Markgräfler Gutedel und Spätburgunder hochgeschleppt, andere ein paar Knabbereien dazu. Würde man im Kinderzimmer (der einzige Raum, in dem zumindest ein Stockbett stehen könnte) so eng gedrängt und so lange beieinander stehen, tausend Themen diskutieren, lachen und sich zuprosten, wenn man zu Hause wäre? Hier gehört das dazu!

Am frühen Morgen – ohne großes nächtliches Konzert, zumindest habe ich nichts gehört –, ist nichts mehr zu sehen von farbenfrohen Kontrasten. Es ist grau und schneit und weht. Wir stärken uns mit selbstgebackenem Zopf – ein Stück für jeden – Marmeladenbroten und heißem Kaffee und präparieren uns für die Expedition durch die Schneelandschaft. Es ist nicht ungefährlich. Wieder muss jeder Schritt sitzen. Frieder, unser erfahrener Wanderführer, schärft uns ein, dass wir unser Körpergewicht zum oberen Hang hin wenden sollen. Denn wenn sich hier einer die Haxen bricht oder den Knöchel verstaucht... Wir wollen gar nicht daran denken und stapfen vorsichtig hintereinander den Berg hinab, über das schneenasse Moor bis zur Alm, an der wir am Vortag noch in die Sonne geblinzelt hatten. Heute pausieren wir im Unterstand, von der Dachrinne strömt der Regen, wo gestern noch mächtige Eiszapfen glänzten.

Wir treffen unsere kleinen Freunde von der Hütte wieder und, was kann uns das Wetter anhaben? Angedrückte Brote und das letzte hartgekochte Ei: Wie das schmeckt! Je tiefer wir kommen, desto feuchter wird es, gefühlt. Wir wählen, um zumindest eine kleine Abwechslung zu haben, den Weg über die Rückseite des Garichtesees durch vollgesogenes Moos, der Blick auf den stillen See gerichtet, über den sich wattig Nebel schichtet. Auf der Brücke ein letztes Gruppenbild – gut gelaunte Wanderer mit Stöcken vor Nebel. Die Gartenmöbel des Mettmen-Hotels sind nass. Nichts erinnert mehr an den Blick, der sich uns noch am Vortag geboten hatte.

Ich werde noch drei Tage Waden wie Stahlseile spüren. Doch das weiß ich jetzt noch nicht, als ich sorgfältig jeden Schritt auskundschafte über Feldspat, Gneis oder was weiß ich für ein Gestein. Quer zum Fels erweist sich als am stabilsten und trittsichersten auf dem nassglitschigen Untergrund. Nach und nach kommen die tapferen Freunde und Freundinnen im Nieselregen an der Bergstation an.

Wir warten nicht lange, denn es regnet Bindfäden. Wir schlüpfen in trockene Kleidung. Gar nicht so einfach, diese am Auto anzuziehen bei dieser Nässe. Dann fahren los, um uns alle an der Raststätte noch einmal zu treffen, bevor jeder wieder in seinen Alltag zurückgeht. Und um die Bons von der Baupause in diese göttlichen „Mohrenköpfe“ umzutauschen. Ja, in der Schweiz heißen die vollkommen entspannt so, von einer zarten Schokoladenschicht umhüllte, auf einer knusprigen Waffel gebettete süße Schaumküsse. Und alle beißen gleich gern hinein zu diesem krönenden Abschluss dieses herrlichen Wochenendes, welcher Herkunft und Hautfarbe auch immer. Ja, ich weiß, warum ich mir das jedes Mal wieder antue.

 

Eva-Maria Tomczak©

 Fotos der dazugehörigen Fotostrecke ©Eva-Maria Tomczak

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